{"id":288,"date":"2017-01-22T23:33:21","date_gmt":"2017-01-22T23:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.stereoscopictures.com\/?page_id=288"},"modified":"2017-06-11T19:04:58","modified_gmt":"2017-06-11T19:04:58","slug":"anaglyphen","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/blog.stereoscopictures.com\/?page_id=288","title":{"rendered":"ANAGLYPHEN"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Achim Bahr (1)<\/p>\n<p align=\"justify\">Von den zahlreichen Methoden, die je zur Betrachtung stereoskopischer Bildpaare ersonnen wurden, hat keine auch nur ann\u00e4hernd eine solche Popularit\u00e4t erlangt, die der des Anaglyphenverfahrens vergleichbar w\u00e4re. Die Farbfilterbrille mit ihren typischen roten und gr\u00fcnen Gl\u00e4sern oder Folien ist im Bewusstsein einer breiten \u00d6ffentlichkeit als so genannte \u00bb3D-Brille\u00ab geradezu gleichbedeutend mit dem Begriff der Stereoskopie selbst geworden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Um so notwendiger aber scheint nun die Rehabilitierung dieser Technik im Kreis der Freunde und Liebhaber des Raumbildes, die ihr oft ablehnend, wenn nicht mit Verachtung begegnen und dabei vergessen, dass es durch sie \u00fcberhaupt erm\u00f6glicht wurde, stereoskopische Lichtbild- und sp\u00e4ter auch Filmprojektionen anstatt nur einer erstmals mehreren Personen zur selben Zeit vorzuf\u00fchren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Idee geht auf Wilhelm Rollmann zur\u00fcck. Nachdem er zuvor \u201eein ihm bequem erscheinendes Verfahren (2) binokularer Betrachtung von nebeneinander angeordneten Halbbildern mit parallel gerichteten Blickachsen empfohlen hatte, bei dem man die Augen mit den Fingern auseinanderziehen sollte (3), ver\u00f6ffentlichte er 1853 den originellen Einfall, die Halbbilder komplement\u00e4r einzuf\u00e4rben und \u00fcbereinander zu legen (4). Mittels entsprechend farbiger Gl\u00e4ser k\u00f6nnen sie anschlie\u00dfend wieder getrennt gesehen werden, weil das jeweils gegenfarbige Bild auf hellem Grund dunkel erscheint, das jeweils gleichfarbige aber durch Absorption erlischt. Das 1858 von Charles d&#8217;Almeida beschriebene Prinzip (5) beruht dagegen auf dem umgekehrten Vorgang, durch den sich das gleichfarbige Bild vor dunklem Grund hell abhebt und das gegenfarbige unterdr\u00fcckt wird (6). W\u00e4hrend diese Methode f\u00fcr Projektionen nicht nur geeignet, sondern von ihrem Erfinder auch eigens zu diesem Zweck erdacht war, machte Rollmanns Technik ab 1891 Furore, als Louis Ducos du Hauron sie \u2014 allerdings unter f\u00e4lschlicher Berufung auf d&#8217;Almeida \u2014 f\u00fcr den Buchdruck adaptierte und ihr ihren Namen gab: Anaglyphen (7).<\/p>\n<p align=\"justify\">Da die Farben hierbei zur Bildseparation verwendet werden, lassen sich damit normalerweise nur Schwarz\/Weiss-Abbildungen erzielen (8); vor allem auf diesem Mangel beruht offenbar die heutige Geringsch\u00e4tzung des Anaglyphenverfahrens, das den Anspr\u00fcchen moderner Projektions- und Reproduktionstechnik inzwischen nicht mehr gen\u00fcgt. Abgesehen vom nostalgischen Reiz, den manche Rot\/Gr\u00fcn-Filme zweifellos aus\u00fcben, f\u00e4llt die Entscheidung hinsichtlich ad\u00e4quater Film- und Diavorf\u00fchrungen seit Entwicklung der Polarisationstechnik nat\u00fcrlich leicht; dass die Anaglyphen aber auch aus dem Bereich der Druckmedien fast vollst\u00e4ndig verschwunden sind, ist jedoch nicht unbedingt einzusehen. Hinreichende Stereotauglichkeit vorausgesetzt, gelingt es n\u00e4mlich sogar Laien (9), ohne umst\u00e4ndliches und teilweise von nachhaltigen Frustrationserlebnissen begleitetes Hantieren mit Linsen oder Prismen den plastischen Effekt anaglyphischer Abbildungen auf Anhieb hervorzurufen. Der erw\u00e4hnten Popularit\u00e4t der \u00bb3D-Brille\u00ab entspricht durchaus eine allgemeine Akzeptanz dieses Verfahrens auf Seiten eines gro\u00dfen Publikums, dem dadurch die Stereoskopie auch insgesamt n\u00e4hergebracht werden k\u00f6nnte, und wo zudem noch wirtschaftliche \u00dcberlegungen eine Rolle spielen, wird es sich ohnehin von selbst anbieten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Indessen verliert die Diskussion der Vorz\u00fcge und Nachteile (10) von Anaglyphen als Methode stereoskopischer Bildwiedergabe ihren Sinn, sobald man Rollmanns Erfindung nicht mehr blo\u00df nach technischen, sondern nach \u00e4sthetischen Kriterien bemisst. Eine anaglyphische Abbildung kann \u2014 auch ohne Brille \u2014 ungemein apart anmuten und tr\u00e4gt dar\u00fcber hinaus Qualit\u00e4ten einer eigenst\u00e4ndigen Kunstform in sich (11). Angesichts der sensationellen Entdeckung von Charles Wheatstone (12), die zugleich die Geburtsstunde eines neuartigen und historisch einmaligen Bildtypus war, bleibt die v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigte Rezeption der Stereoskopie in kunstwissenschaftlichem Kontext nach wie vor ein erstaunliches Desiderat. Als k\u00fcnstlerisches Medium ist das stereoskopische Bild \u2014 weder im Allgemeinen, noch in seiner anaglyphischen Gestalt \u2014 bisher kaum Gegenstand seri\u00f6ser Forschung gewesen; dabei w\u00e4re eine solche Untersuchung allein schon nach formal\u00e4sthetischen Gesichtspunkten \u00fcberaus lohnend und interessant, beispielsweise bez\u00fcglich der strukturellen Affinit\u00e4t vor allem von Parallax-Panoramagrammen \u2014 nicht minder aber auch von Anaglyphenbildern \u2014 mit den Stilmerkmalen des Futurismus (13).<\/p>\n<p align=\"justify\">In der Wiedergabe stereoskopischer Anamorphosen schlie\u00dflich hat sich das Anaglyphenverfahren eine Dom\u00e4ne bewahrt, wo es \u2014 au\u00dfer den erheblich aufwendigeren und deshalb kostspieligen Vektographen \u2014 tats\u00e4chlich keine praktikable Alternative gibt. Die frappierende Plastizit\u00e4t des Fusionsbildes wird hier durch die perspektivisch verzerrte Geometrie der Darstellung herbeigef\u00fchrt, die sich unter schr\u00e4gem Blickwinkel vor den Augen des Betrachters aufrichtet und dabei das zweidimensionale <em>Bild<\/em> \u2014 seiner materiellen Substanz gleichsam enthoben \u2014 zu einem dreidimensionalen <em>Gebilde<\/em> transformiert, in dessen fl\u00fcchtiger und widerspr\u00fcchlicher Wahrnehmung der imagin\u00e4re mit dem Realraum verschmilzt (14). Nicht zuletzt an diesem Ph\u00e4nomen erweist sich auch die anamorphotische Variante der Stereoskopie \u2014 einem Zwitterwesen gleich \u2014 als <em>Singularit\u00e4t<\/em> innerhalb der bildenden Kunst: zwischen und jenseits von Malerei und Plastik (15): Als hybride Erscheinung eines konkreten Phantoms ist das Produkt aus Anamorphose und Anaglyphen sowohl Novum wie Kuriosit\u00e4t auf dem Gebiet der visuellen \u00c4sthetik; der eklatante Zusammenfall von Form und Funktion der Anaglyphen in der stereoskopischen Anamorphose aber legitimiert diese Technik nicht nur als k\u00fcnstlerische Disziplin, sondern verleiht auch ihrem Namen erst die eigentliche Bedeutung.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(1) \u00a9 1993 Achim Bahr. \u2014 Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: <em>3D-Magazin<\/em> 4, Haltern 1993; engl. Fassung <a href=\"http:\/\/blog.stereoscopictures.com\/?page_id=31\">Anaglyphs<\/a> in: <em>Stereoscopy<\/em> Nr. 2\/36, International Stereoscopic Union 1998<br \/>\n(2) Moritz von Rohr: <em>Die binokularen Instrumente<\/em>, Berlin 1920, 101<br \/>\n(3) Wilhelm Rollmann: <em>Notiz zur Stereoskopie<\/em>, J. C. Poggendorffs <em>Annalen der Physik (und Chemie)<\/em>, Halle\/Leipzig 1853, 89, 350f<br \/>\n(4) ders.: <em>Zwei neue stereoskopische Methoden<\/em>, Pogg. Ann. 1853,90, 186f<br \/>\n(5) Charles d&#8217;Almeida: <em>Ein neuer Stereoskopapparat<\/em>, in: Moritz von Rohr (Hrsg.), <em>Abhandlungen zur Geschichte des Stereoskops<\/em>, Leipzig 1908, 103f<br \/>\n(6) Auf den Unterschied von subtraktiver und additiver Verwendung der Komplement\u00e4rfarben bei Rollmann bzw. d&#8217;Almeida hat Otto Vierling nachdr\u00fccklich hingewiesen: <em>Die Stereoskopie in der Photographie und Kinematographie<\/em>, Stuttgart 1965, 209f<br \/>\n(7) Die dem Griechischen entlehnte Wortbildung aus der Vorsilbe <em>ana<\/em> und dem Verb<em> glyphein<\/em> bedeutet etwa <em>wie herausgemei\u00dfelt<\/em>.<br \/>\n(8) Zwar sind farbige Anaglyphen prinzipiell m\u00f6glich und auch erprobt worden, doch konnten sie \u2014 zumindest bisher \u2014 nicht frei von St\u00f6rbildern realisiert werden. vgl. hierzu u.a. Otto Vierling, a.a.O., 142 f, sowie Wolfgang Dultz \/ Susanne Klein: <em>Raumbildtechniken f\u00fcr den Bildschirm<\/em>, in: Gerhard Kemner (Hrsg.), <em>Stereoskopie<\/em>, Kat. Museum f\u00fcr Verkehr und Technik, Berlin 1989, 89<br \/>\n(9) und \u2014 entgegen einer weit verbreiteten Meinung \u2014 \u00fcbrigens auch Farbenblinden<br \/>\n(10) Vgl. Otto Vierling, a.a.O., 140ff<br \/>\n(11) Pr\u00e4gnantes Beispiel hierf\u00fcr ist das Werk von L\u00e1szl\u00f3 P. Fut\u00f3, der seine anaglyphische Malerei als individuelle \u201eStilrichtung definiert und seine Bilder und bemalten Reliefs auch oder vielmehr gerade auch ohne Brille als \u201evollwertige Kunstobjekte versteht. L\u00e1szl\u00f3 P. Fut\u00f3: <em>Anaglyphenmalerei \u2013 Eine Methode der Raumgestaltung<\/em>, Z\u00fcrich 1991, 19; Rezension des Buches von Alexander Klein in: <em>3D-Magazin<\/em> 2\/1993, 40<br \/>\n(12) Charles Wheatstone: Beitr\u00e4ge zur Physiologie der Gesichtswahrnehmung, in: Moritz von Rohr, Anm. 4, 3ff<br \/>\n(13) Da die Thematik an dieser Stelle nicht n\u00e4her verfolgt werden kann, verweise ich auf meinen bis jetzt noch nicht bzw. nur in Ausz\u00fcgen ver\u00f6ffentlichten Aufsatz, in dem ich diesen und anderen Fragen nachgegangen bin: <em>Stereoskopie als angewandte Metaphysik<\/em>, in: Achim Bahr \/ Larry Steindler (Hrsg.), <em>Stereoskopische Theorie \u2014 Beitr\u00e4ge zur Simulation der visuellen Raumwahrnehmung<\/em> (i.v.)<br \/>\n(14) vgl. Achim Bahr: <em>Aspekte der Stereoskopie<\/em>, Kat. <em>vision Raum<\/em>, Neckarwerke, Fellbach 1991 (o.S.)<br \/>\n(15) Hier kommt ein weiterer wesentlicher Problemkreis ins Spiel, der in diesem Zusammenhang ebenfalls noch nie thematisiert worden ist und der sich kurz mit dem Begriff des <em>Paragone<\/em>, d.i. der historische Streit um die Vorherrschaft der K\u00fcnste, kennzeichnen l\u00e4sst; s. Anm. 12<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achim Bahr (1) Von den zahlreichen Methoden, die je zur Betrachtung stereoskopischer Bildpaare ersonnen wurden, hat keine auch nur ann\u00e4hernd eine solche Popularit\u00e4t erlangt, die der des Anaglyphenverfahrens vergleichbar w\u00e4re. 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